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Siegfried und Co./ Eine Nibelungen Collage (Spielzeit 2003/2004)


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"Unsere Nibelungen"

Schon lange gab es in der Theater-AG Überlegungen, den Nibelungen-Stoff auf die Bühne zu bringen. Zwar gibt es seit einigen Jahren einen regelrechten Nibelungen-Boom (der seinen Ausdruck findet z.B. in dem Nibelungen-Spektakel, das Dieter Wedel in Worms inszenierte, oder in der großen Nibelungen-Ausstellung, die zur Zeit in Karlsruhe zu sehen ist). Andererseits ist der Stoff heutigen Schülern kaum mehr präsent, denn allenfalls in der 6. oder 7. Klasse wird die Siegfried-Sage behandelt. Somit könnte man - so meinten wir - die Nibelungen-Begeisterung nutzen und auf unsere Weise die Handlung bekannt machen. Denn diese Handlung bietet ja einiges: markige Charaktere, spannende Handlung (neudeutsch "action"), schmachtende Liebe, grandiose Tragik. Aber kann dies der Stoff für eine Schultheater-Aufführung sein? Können Schülerinnen und Schüler es leisten, solche Emotionen, solche Tragik adäquat darzustellen? "Mord, Betrug, Hass, Rache, Machtgier und Hinterlist bestimmen die Handlung vom Anfang bis zum Schluss. Selbst die positiv gezeichneten Gestalten geraten in ein merkwürdiges Licht.", so der Germanist Joachim Bumke. Kann man sich an solchen Dimensionen nicht nur verheben?

Ein weiteres Problem: Uns war keine dramatische Fassung des Stoffes bekannt, die für eine Schultheatergruppe in Frage gekommen wäre. Zwar gibt es zahlreiche Dramatisierungen des Stoffes, von Hebbels "Nibelungen", die zwischen 1855 und 1860 entstanden, bis hin zu zahlreichen Neufassungen für Laienbühnen - doch keine dieser Texte kam letztlich für uns in Frage.

Am überzeugendsten fanden wir das (in Schweizerdeutsch verfasste) Stück "Näfulinger Minnegluot" des Schweizer Autors Benedikt Troxler, das allerdings (neben einer Übersetzung ins Hochdeutsche) eine überaus aufwendige Inszenierung mit zahlreichen selbst gedrehten Filmsequenzen erfordert hätte - dies überstieg unsere Kräfte und Möglichkeiten.

Also machten wir uns selbst an die Arbeit - und verfassten eine "Nibelungen-Collage". Herr Troxler gestattet uns dankenwerterweise, einige Szenen aus seinem Stück zu übernehmen (außerdem reisen er und seine Frau eigens aus der Schweiz an und besuchen unsere Donnerstag-Aufführung!!). Viele Szenen entwickelten und schrieben wir selbst, zahlreiche andere Textteile fügten wir aus verschiedenen Nibelungen-Bearbeitungen ein. Am Ende, nach vielen Überlegungen, Umstellungen, Kürzungen, Variationen und Versuchen war "unser" Nibelungen-Stück fertig. (Notabene: Nur bei den Viel- und Großschreibern Goethe, Schiller und Brecht fanden wir nichts über die Nibelungen.)

Von Anfang an war klar: Wir können und wollen keine Tragödie auf die Bühne bringen, es sollte eine variationsreiche, schüler-angemessene, bunte Collage werden. Und so stehen denn - neben sehr ernsthaften Passagen - viele witzige Elemente im Vordergrund, um den großen Helden sowohl jede pathetische Bedeutungsschwere als auch jede Germanen-Tümelei zu nehmen. Manche Handlungsschritte werden doppelt oder gar dreifach dargestellt, mal tragisch, mal komisch - solche Brechungen sind bewusst und verstehen sich durchaus im Sinne des epischen Theaters. Auch formal langten wir kräftig zu: In "Siegfried & Co." finden Sie Dramatisches und Lyrisches, Mittelhochdeutsches und Neuhochdeutsches, Hochtragisches und Slapsticks, Filme und Puppentheater, Schattenspiele und Schüttelverse, Schwarzlichtszenen und Lieder, Rezitationen und Tänze. Die Folge: Technisch ist dieses Stück sicher eines der aufwändigsten, die wir je produziert haben.

Wieder gibt es mehr als 40 Mitwirkende bei unserem Stück - eine gigantische Zahl, wenn man etwa an den Proben-, aber auch an den Organisationsaufwand denkt. Und wieder einmal haben uns die Akteure die Arbeit mit ihnen leicht gemacht: Es war eine wunderbare Truppe mit einem unglaublichen kreativen Potenzial, aber auch mit Einsatzbereitschaft und Disziplin. Es gab während der gesamten Probenzeit keine einzigen ernsthaften Konflikt, die Stimmung war immer gut und es hat uns (und wir glauben: auch allen Beteiligten) einen Riesenspaß gemacht. Auch im Hinblick auf den großen Andrang in die Theater-AG (der uns natürlich sehr freut) erwies sich der Nibelungen-Stoff als ideal: Hier lassen sich (fast) beliebig viele Rollen unterbringen.

Eine Frage bewegte uns und bewegt uns noch immer: Kann es gelingen, trotz der Verschiedenartigkeit der einzelnen Textteile ein Gesamtstück zu formen, das in sich geschlossen wirkt, das dem Zuschauer zwar immer wieder verschiedenartige Anstöße gibt, das ihn aber nicht nur verwirrt, sondern ihn (auch) entführt in die Welt des frühen Mittelalters - in die Welt der Nibelungen eben.

Wenn uns das gelingen würde, wären wir mit unserer Arbeit sehr zufrieden.
Sabine Laage, Eckhard Wurm



Nibelungen der Inhalt in Kurzform

Kriemhild, die schöne Schwester der Burgundenkönige Gunther, Gernot und Giselher, träumt, dassdaß zwei Adler einen von ihr gezogenen Falken (das althergebrachte Symbol für den Geliebten) töten – ein Traum, der sich auf tragische Weise bewahrheiten wird.

Der junge Königssohn Siegfried hat mit Hilfe des Schwertes Balmung den Drachen Fafnir getötet. Danach badet er im Blut des Drachen und bekommt dadurch eine gehörnte Haut, d.h. er ist unverletzlich - bis auf eine kleinen Stelle zwischen den Schulterblättern, auf die bei dem Bad ein Lindenblatt gefallen war. Auch schafft er es, dem Zwerg Alberich eine Tarnkappe abzunehmen. Als er danach an den Hof von Gunther und seinen Geschwister kommt, verliebt sich Krimhild sofort in den jungen Helden.

Bevor es jedoch zur Vermählung zwischen Kriemhild und Siegfried kommen kann, muss Siegfried König Gunther helfen, die schöne und starke Brunhild zu freien. Brunhild will nur dem gehören, der sie im Dreikampf übertrifft; da Gunther gegen ihre Stärke keine Chance hat, hilft ihm Siegfried, durch die Tarnkappe unsichtbar, beim Stein- und Speerwurf und trägt ihn beim Weitsprung, so dass Gunther siegt. Brunhild zieht mit den Burgundern nach Worms – ahnend, dass der Kampf nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.

In Worms wird die Doppelhochzeit Brunhild /Gunther und Kriemhild/Siegfried gefeiert, doch in der Hochzeitsnacht verweigert sich Brunhild ihrem Gemahl Gunther; schlimmer noch: sie fesselt ihn und hängt ihn an einen Nagel. Noch ein mal bittet Gunther seinen Schwager Siegfried um Hilfe; dieser willigt ein und erscheint in der folgenden Nacht im Schlafzimmer, überwindet Brunhild und überlässt sie Gunther. Doch vorher entwendet Siegfried noch Brunhilds Gürtel und Ring, die er später Kriemhild schenkt - die um diesen Diebstahl weiß.

Brunhild ahnt nichts von dem erneuten Betrug. Jahre später treffen sich bei einem Fest in Worms Brunhild und Kriemhild wieder - es kommt auf der Treppe des Doms zu dem berühmten Streit der Königinnen: Da sich Siegfried bei Gunthers Werbung um Brunhild, als dessen Vasall, also Gefolgsmann, ausgab, glaubt Brunhild, ihr gebühre der Vortritt beim Einzug in den Dom. Im Verlauf des sich steigernden Streits beschimpft Kriemhild Brunhild als "Kebsweib" (also als Nebenweib, als Hure) und zeigt Brunhild ihren Gürtel, den ihr einst Siegfried entwendete. Nach dieser tödliche Beleidigung verfolgt Brunhild nur noch ein Ziel: Siegfried zu beseitigen. Sie wendet sich an Hagen und bittet ihn, Siegfried zu töten. Dieser schafft es durch einen Trick, dass Kriemhild vor einem Jagdausritt die verwundbare Stelle Siegfrieds zwischen den Schulterblättern markiert - weil sie glaubt, dadurch Siegfried besonders schützen zu können.

Nun ist die Ermordung Siegfried nur noch eine Frage der Zeit - Hagen tötet ihn durch einen gezielten Speerwurf, als Siegfried sich zum Trinken an einen Brunnen kniet. Und schließlich sorgt er noch dafür, dass Siegfrieds Leiche vor Kriemhilds Schlafgemach aufgebahrt wird. Diese erkennt sogleich die Zusammenhänge, macht Hagen für Siegfrieds Tod verantwortlich und schwört bittere Rache. Damit endet der erste Teil des Heldenepos. Der zweiten Teil, der nicht mehr Thema unsere Aufführung ist, hat den Untergang der Burgunder zum Thema.