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Der Rattenfänger (Spielzeit 2000/2001)


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Junge Leute in Hochform
Das Isolde-Kurz-Gymnasium präsentiert im Foyer U3 Zuckmayers »Der Rattenfänger«
(nyf)

Die Theater AG des Reutlinger Isolde- Kurz-Gymnasiums ist eine starke Truppe. Unter der Leitung von Sabine Laage und Eckhard Wurm begeisterte sie das Publikum am Premierenabend im ausverkauften Foyer U3 mit Carl Zuckmayers Stück »Der Rattenfänger« Die Sage des Rattenfängers von Hameln hat Zuckmayer für sein Stück aufgegriffen und weiterentwickelt. Der Stoff: Eine Stadt im Mittelalter mit Armen und Unterdrückten, einer reichen Obrigkeit und da zwischen die Ratten.

Eines Tages taucht der Rattenfänger in der Stadt auf und wird von den Stadtherren gedrängt, sie von der Rattenplage mittels seiner Flöte zu befreien. Nach getaner Arbeit soll er dafür reichen Lohn erhalten. Er hält sich an die Abmachung, allerdings prellt ihn die Obrigkeit und verlangt obendrein, dass er nun auch noch den Pöbel, der zu revoltieren droht, aus der Stadt locken soll um ihn dann als Sklaven verkaufen zu können. Als der Rattenfänger dies ablehnt, wird er der Hexerei beschuldigt und soll hingerichtet werden. Durch einen Coup der Stadtkinder kann er fliehen und führt sie in eine bessere Zukunft, an einen freieren Ort.

Im Gegensatz zu manch anderen ambitionierten Inszenierungsversuchen von Schultheaterensembles wurden die Darsteller des IKG den Anforderungen der literarischen Vorlage vollauf gerecht. Ein Reigen guter Einfälle sowie die fantasievolle Umsetzung ließen die Aufführung zum Erlebnis werden: Ein eigens für das Stück von Johanna Zeul komponiertes Lied als musikalisches Leitmotiv, ein einfaches, aber effektvolles Bühnenbild und jede Menge idealistisches Engagement junger Talente, die überdurchschnittlich viel Zeit und Mühe investiert haben.

Besonders zu erwähnen sind, schon allein wegen der großen Mengen an Text, die sie zu bewältigen hatten, die Hauptdarsteller: Klaus Schneider als souveräner Rattenfänger mit dem Charme eines jungen Rebellen; Jan-Moritz Jerricke in der Rolle des liebenswürdigen Henkers und Friederike Stanger, die sehr einfühlsam und glaubwürdig dessen Tochter verkörperte. Aber auch Moritz Schulte und Ivy Frenger als geld - und machthungriges Bürgermeisterehepaar konnten überzeugen.

Zu loben ist aber das ganze Ensemble als Einheit. Nicht zuletzt die Wahl eines jugendgerechten Stückes und die geschickte Verteilung der Rollen, entsprechend den Neigungen der Akteure, ermöglichten diesen nicht alltäglichen Erfolg. Und so empfiehlt sich die Theater AG des IKG mit den noch ausstehenden Aufführungen am 9. und 10. März, jeweils um 20 Uhr im Foyer U3, nicht nur Eltern und Freunden, sondern dem Theaterliebhaber ganz allgemein. (Reutlinger Generalanzeiger)



Von Armen, Reichen und Rebellen
Die Theater-AG des Isolde-Kurz-Gymnasiums spielt Zuckmayers „Rattenfänger“ Mit seinen Zaubertönen soll er nicht nur die Ratten in den Untergang führen, sondern auch die aufrührerischen Armen, denen sein ganzes Mitgefühl gilt. Die Theater-AG des Isolde-Kurz-Gymnasium hat Zuckmayers Stück gestrafft: Der Kontrast zwischen arm und reich rückt in den Mittelpunkt.

REUTLINGEN: Es geht also in der IKG-Bühnenfassung des Stücks hauptsächlich um Habgier und ums Streben nach Umsturz. Der Rattenfänger ist eine Art Wandergeselle, ein Freigeist, ein Musikant auf der Durchreise, der unbekümmert und ungebunden durch die Lande zieht, um die Menschen mit seiner Klangmagie und mit seinem lockeren Lebensstil zu bezaubern.

Grenzgänger


Zu seinen Gegenspielern zählen der Stadtkommandant und der Probst, deren Regime die ohnehin Mittellosen mehr und mehr gängelt. Der Rattenfänger ist ein Grenzgänger zwischen den Fronten — zwischen Unterdrücker und Geknechteten. Beide Seiten rangeln um seine Dienste.

Der Stadtchef ist ein machtsüchtiger Despot, der keine Mittel scheut, um seine Herrschaft zu mehren und zu festigen. Er möchte das, was er als „Gesindel“ bezeichnet, auf einen Streich beseitigen. Und hierzu benötigt er des Pfeifers magische Laute, die die gesamte rebellische Unterschicht ins Verderben locken sollen. Diesen jedoch führt seine Liebe zu des Henkers Töchterlein und der Anblick des umfangreichen Elends dazu, sich auf die Seite der Revolte zu schlagen.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind also eindeutig abgesteckt, und doch entwickelt die facettenreiche Inszenierung eine eigene Dynamik, die die Figuren kontrastreich herausarbeitet und nachhaltige wirkt. So bildet etwa die Gestalt der Botin zwischen Unter- und Oberstadt ein mustergültiges Rollenspektrum der Anpasserin mit Sätzen wie „Man nimmt, was abfällt, und behält seinen Ruf

“ Ähnlich Markiges ist aus dem Munde der Armenschar zu vernehmen, wo beispielsweise eine mit diesen Worten meutert: „Wer nicht hat, ist ein Lump.“ Oder wenn die Armen resignieren mit der Aussage „Wir haben keine Waffen“, dann kontert Bunting, der Tönemagier: „Eure beste Waffe ist die Wahrheit.“

Andere Sätze, die die Stimmung unter den Verarmten festhalten sind: „Wer nichts hat, muss bezahlen“ und „Was verboten ist, ist gut“. Weitere Textteile wie „Ich bin nirgends zuhaus‘... weiß meinen Namen nicht, nur diejenigen, die den Frauen einfielen in Bezug auf mich“ kennzeichnen den orakelnden Wundermusikanten, der ebenso als mystischer Philosoph wie als Musikverführer interpretiert wird.

Wenn er etwa die Gattin des Stadtbosses mit seinem Pfeifenspiel in tänzerischen Taumel versetzt, bis sie tot umkippt, dann ist das eine höchst bewegende Szene: Einer der Anlässe, die zur Gefangennahme und zum drohenden Galgen führen. Was er kontert mit der für ihn typischen, philosophischen Gelassenheit: „Es gibt Menschen, die auch gefangen frei sind.“

Die ganze Palette der Figuren wird vielschichtig aufgefächert. Vom angeheuerten Soldatentrupp, der das buntscheckige Lumpenproletariat „wegsäubern“ soll bis zum aufmüpfigen Kinderduo des schurkischen Vater-Stadtchefs: Eine gelungene Inszenierung mit dialogischem Feinschliff. Und die beiden abtrünnigen Geschwister trotzen schließlich ihrem Vater, dem Stadtherren, indem sie den vom Strick bedrohten Pfeifer Bunting gleichsam freipressen. Und als Entführte schreiben sie in einem Brief an ihren Erzeuger: „Steig‘ auf die Leiter aus Leichen, die du dir selbst gebaut hast.“

Nicht zuletzt ist es der pointierte Dialogstil, der die mit viel Beifall bedachte Aufführung zum Erfolg führt. So wird auch das altehrwürdige Legendengut rund um den Meistermusikanten mit einem hohen Mass an Gegenwartsnähe herangerückt, etwa im Hinblick auf das Obdach-und Heimatlose einiger Hauptgestalten.

ROLAND LUDWIG, Südwest Presse 08.03.2001